Zur gegenwärtigen Lage

Wenn ich mir anschaue, wie sich die politisch-gesellschaftliche Situation in Deutschland und Europa entwickelt, zeichnen sich mir tiefe Sorgenfalten auf die Stirn!

Ich finde es bedrohlich, wie viele Menschen bei PEGIDA und verwandten Bewegungen mitlaufen und ihre stumpfe Fremdenfeindlichkeit hinter einer diffusen Angst vor dem Islam zu verstecken versuchen. Ich kann leider nicht glauben, dass sich innerhalb des PEGIDA- und HoGeSa-Mobs wirklich Leute befinden, die tiefergehende Kenntnisse dieser Religion haben. Das gleiche dürfte für die christliche Religion gelten, die immer wieder gerne heran gezogen wird, weil sie doch angeblich so bestimmend für unser aktuelles gesellschaftliches Zusammenleben ist.

Mir ist auch diese Heuchelei zuwider, plötzlich die Rechte der Frauen für sich zu entdecken und diese dabei lediglich als argumentative Keule auszuschlachten. Besonders grotesk ist das, wenn man sich anschaut, welches Frauenbild die AfD vertritt, die ja fleißig in den braunen PEGIDA-Gewässern fischt und dort fette Beute macht. Das gleiche gilt für Obdachlose, die man während der Flüchtlingskrise am rechten Rand als schützenswerte Gruppe für sich entdeckt hat. Dass es zuweilen das Hobby gelangweilter Neonazis ist, Obdachlose im Suff tot zu treten — kann ja mal vorkommen. Und dass jemand, der auf der Straße lebt und nicht arbeitet, ja irgendwie auch suspekt sein müsste — geschenkt! Kohärenz wird sowieso überbewertet.

Und wenn ich schon mal so beiläufig das Thema rechte Gewalt anschneide: wie kann es sein, dass wir in 2015 über 900 Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte hatten, und das Thema trotzdem in den Randnotizen dahin dümpelt? Klar ist das irgendwie monoton: "Flüchtlingsheim => Feuer; das eigene Haus steht noch, alles i. O." Aber — und jetzt wirds trivial — unterhalb dieser hässlichen Spitze des Eisbergs, tut sich der Umstand auf, dass wir hier Gewalttätern das Feld überlassen, die ohne zu Zögern den Tod von Menschen in Kauf nehmen. Man könnte meinen, dass das etwas mehr Öffentichkeit verdient hätte. Man könnte auch meinen, dass sich die Exekutive angesichts dieser Entwicklung bemüßigt fühlte, ihr Gewaltmonopol an der Stelle mal grade zu rücken.

Weiterhin finde ich es höchst bedenklich, wie mittlerweile verbal ausgeteilt wird. Dazu muss ich erwähnen, dass ich diesem Ideal einer Gesellschaft anhänge, nach dem sich die Menschen gegenseitig mit Achtung und Respekt begegnen. Und zwar nicht zum reinen Selbstzweck, sondern weil das die Gesellschaft lebenswert macht. Wenn ich mir aber angucke, welche Meinungen von Seiten der — nach eigener Wahrnehmung — bildungsnäheren Schichten hinsichtlich der neuen, rechten Massenbewegungen geäußert werden, dann sehe ich Gräben, die sich auftun. Was ich jedoch nicht sehe, ist das Interesse, diese Gräben zu überwinden.

Wer im Fernsehen und in den sozialen Medien selbstgefällig darüber fabuliert, wie dumm und von hohen IQs verschont geblieben die Menschen seien, die bei PEGIDA & Co mitlaufen, der hat kein Interesse daran, in irgend einer Weise zur Lösung der Probleme beizutragen. Vielmehr wird sich dadurch nur vergewissert, wo man selbst steht. Und sollte die Zerklüftung der Gesellschaft während dieser Scharmützel zunehmen, ist das ein willkommener Kollateralschaden. Schließlich muss die eigene wertvolle Gruppe verlässlich abgeschottet werden, gegen all jene, die vermeintlich weniger gebildet, kultiviert und strebsam sind. (Ziemlich drastische Unterstellung, ich weiß … ¯\_(ツ)_/¯)

Und bitte nicht falsch verstehen: auf Facebook und twitter wird viel rechter, menschenverachtender Müll abgesondert. Vieles davon mit haarsträubender Rechtschreibung und Interpunktion. Die Urheber dieser unsäglichen Beiträge sind in den meisten Fällen nicht an einer sachlichen Diskussion interessiert. Doch so wenig es bringt, in diesen Fällen in die Debatte einzusteigen, so wenig bringt es auch, sich der Eitelkeit hinzugeben und die Verfasser für ihre mangelnde Bildung zu verlachen.

Vielmehr sollte man einen Schritt zurück gehen und sich fragen, wie es kommen konnte, dass es mittlerweile — besonders in den mitunter leer gefegten, neuen Bundesländern — so viele Menschen gibt, die komplett abgehängt sind? Die weder Ausbildung noch Perspektive haben. Und deren Meinungsbildung durch Menschen bestimmt wird, die einen ähnlich schmalen Horizont haben. Seien das nun die Nachbarn oder die Protagonisten diverser Scripted-Reality-Shows. Die Antwort auf diese Frage ist relativ komplex. Von etwaigen Lösungen ganz zu schweigen. Aber einfache Antworten gibt es nicht.

Höchstens bei der AfD. Ich würge regelmäßig Kotze hoch, wenn ich Björn Höcke und Konsorten reden hören. Momentan frage ich mich, ob es vielleicht zur schrulligen Tradition wird, am Anfang eines Jahrhunderts am Praxisbeispiel darzulegen, wie nachteilig eine faschistische Regierung ist. Andererseits ist es ja gerade irgendwie en Vogue in Europa. Wie ein Kind, dass lieber seine Sandburg kaputt macht, als zusammen mit einem weiteren Kind, das neu in den Kindergarten gekommen ist, daran weiter zu bauen, werden alle Errungenschaften der letzten Jahrzehnte in der EU in die Tonne gekloppt.

Was mich zum letzten Punkt bringt: die Flüchtlinge, die hier zu Tausenden Schutz suchen. Ich finde es toll, wie viele Bürger sich ehrenamtlich engagieren und die dringend benötigte Hilfe anbieten!! Und denjenigen, die sich fragen, ob wir uns das überhaupt leisten können, sage ich: so eine Schäuble'sche, schwarze Null hat meiner bescheidenen Meinung nach keinen Wert. Oder anders gesagt: Sparen zum Selbstzweck ist keine Politik, die diese Bezeichnung verdient.

Ich wundere mich aber, wie leichtfertig das Mittelmeer als Flüchtlingsmassengrab "vor der Haustür" hingenommen wird. Und dass die Schließung der Grenzen als probates Mittel erachtet wird, wohl wissend, dass Menschen in Not nicht einfach umkehren werden. Wieviel Blut wird die Friedensnobelpreisträgerin EU an den Händen haben können, bevor sie als Randnotiz der Geschichte zu den Akten gelegt wird? Man wird sehen …

So, das wäre es auch schon. Habe ich etwas vergessen? Bestimmt. Man sehe mir bitte auch nach, wenn ich stellenweise ins Zynische abgeglitten bin. Ich habe mich schon sehr gezügelt! Was sonst noch? Ich darf mich jetzt fragen, was ich aktiv zur Behebung der genannten Missstände unternehme. … außer meine Meinung dem allgemeinen Desinteresse des Internets zu präsentieren.